Sprachlosigkeit – ein Problem, das auch das Verhältnis zwischen Familienangehörigen der deutschen Kriegs- und Nachkriegsgenerationen geprägt hat – ist eine schwere Hypothek für das Verständnis der Menschen füreinander. Jedoch steckt oft ein schweres Missverständnis dahinter: Die einen erzählen nicht, weil sie meinen, die anderen interessiere es nicht oder weil sie Verwandte und Freunde nicht mit ihren traumatischen Erlebnissen und Gedanken belasten möchten. Die anderen fragen nicht nach, weil sie nicht in offenen Wunden bohren möchten. Gegenseitige Rücksichtnahme verhindert einen Austausch, den in vielen Fällen aber eigentlich beide Seiten wollen und brauchen.

Zugleich schreiben viele Menschen gerade in Krisenzeiten, sei es in Form eines Tagebuches, von Briefen, Gedichten, Erzählungen, Liedern und journalistischen Arbeiten. Das Bedürfnis, Erlebtes mitzuteilen und als Individuum wahrgenommen zu werden oder sich in eine andere Welt zu träumen, ist groß. Aber wer hört zu? Wie finden Schreibende, Erzählende und Zuhörende zueinander?

Wortasyl möchte hierfür Räume schaffen, Räume für diejenigen, die ihre Geschichte(n) erzählen, und jene, die sie hören möchten.

Den ersten Raum bieten die Schreibwerkstätten von Sarah Rehm an verschiedenen Orten in Dresden (Link). Den zweiten Raum für öffentliche Lesungen stellt uns dankenswerterweise HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste im Rahmen des Refugee Art Center (RAC) und der Golgi Park – Interkultureller Garten Hellerau zur Verfügung. Der dritte Raum ist dieser Blog. Er steht allen offen, auch denjenigen, die nicht öffentlich auftreten oder gerne anonym bleiben möchten.

Das Verbindende zwischen den Menschen, die hier schreiben, ist das Gefühl von Heimatverlust und Fremdsein. Dieses Gefühl kann durch Flucht und Vertreibung hervorgerufen worden sein oder durch Veränderungen. Auch die politische Wende 1989 hat solche Veränderungen mit sich gebracht. All das, was Menschen in diesem Spannungsfeld beschäftigt, soll hier mitteilbar sein.

Hoffen wir, dass es gelingt. Einen Anfang gab es bereits im September 2016 – mehr dazu…

April 2017

Michael Drechsler, Wissam Fakher, Sarah Rehm & Petra Schweizer-Strobel

Ein Gemeinschaftsprojekt von HELLERAU ­ Europäisches Zentrum der Künste Dresden im Rahmen des RAC – Refugee Art Center Hellerau, der ev.-luth. Kirchgemeinde Dresden-Klotzsche, der Initiative „Brücken schaffen“ und der Schreibwerkstätten TELL YOUR TRUTH von Sarah Rehm.

Gefördert durch das Landesprogramm Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz.