Ich ging eine alte Mauer entlang in der Altstadt Jerusalems

 Ich hörte, wie die Mauer ihren vieltausendjährigen Geburtstag feierte. Und noch einen…

Sie lud mich ein, einen Toast auszubringen auf alle Religionen

 Sie sprach zu mir:

Du weißt, ich war vor den Büchern hier.

Gott taufte mich mit dem heiligen Schlamm des Flusses der Unsterblichkeit.

 (Auszug aus einem Gedicht von Basher Hussein)

Im Frühjahr dieses Jahres hatten wir die Idee, einmal nicht über die Menschen zu sprechen, die aus den unterschiedlichsten Gründen zu uns gekommen sind, sondern sie selbst zu Wort kommen zu lassen und so entstand das Projekt WORTASYL. Viele Menschen verarbeiten einschneidende Erlebnisse in ihrem Leben literarisch, andere schreiben, um ihre Freunde und Verwandten in der Ferne an ihrem Leben teilhaben zu lassen und manche schreiben einfach schon immer. Ihnen allen wollten wir eine Stimme geben. Von Beginn an hatten wir den Golgi Park als Ort für die Veranstaltung vor Augen, wo man für unsere Idee auch sofort offen war. Gemeinsam entschieden wir uns, die Lesung im Rahmen der Interkulturellen Wochen im Oktober stattfinden zu lassen.

Von links nach rechts: Wissam Fakher, Samer Koja, Michael Drechsler, Petra Schweizer-Strobel

Die Suche nach Menschen, die ihre Texte gerne lesen mochten, erfolgte über persönliche Netzwerke sowie verschiedene Medien. Die Herausforderung war, die Texte bei der Lesung in verschiedenen Sprachen (Arabisch, Englisch, Deutsch) zugänglich zu machen, da wir ja auch ein internationales Publikum anstrebten. Die Übersetzungen lagen dann als Handouts zum Mitlesen vor.

Basher Hussein (Mitte), links Wissam Fakher, rechts Petra Schweizer-Strobel

Als Moderatoren fungierten wir Organisatoren sowie Wissam Fakher, der hervorragend zwischen allen drei Sprachen übersetzte. Flankiert wurden die Lesungen von einem musikalischen Beitrag des jungen und genialen Beatboxers Zaki aus Syrien. Das Programm umfasste ein Interview mit Samer Koja aus Syrien, ein Gedicht und Gedanken von Sarko Hejazi aus dem Iran, Gedichte und einen Auszug aus einem Roman von Basher Hussein aus Palästina, verschiedene Gedichte und Berichte, die unter Anleitung der Schriftstellerin Sarah Rehm in einer Schreibwerkstatt mit Migranten aus Afghanistan, Syrien, Brasilien und den USA entstanden sind, Lyrik zum Thema Flucht und Migration von Sarah Rehm sowie Gedichten des spontan dazu gekommenen Syrers Eiad Alahmad.

Sarah Rehm und Teilnehmer ihrer Schreibwerkstatt „TELL YOUR TRUTH“

 

Obschon der von den Organisatoren ausgetüftelte Ablaufplan schon von Beginn an obsolet war, da sich deutsche Pünktlichkeit nicht immer mit den Gepflogenheiten anderer Kulturen in Deckung bringen lässt, das Programm also durch Plan B und schließlich durch einen improvisierten Plan C ersetzt werden musste, war WORTASYL ein Erfolg. Wer erlebt hat, mit welcher Begeisterung die Menschen auf der Bühne waren, wie sie erzählten, wie mancher während seines Vortrages alles um sich herum vergaß, sich von seinem Text löste und Geschichten immer mehr ausgeschmückt, immer blumiger wurden, wird dem nur zustimmen können.

Aufgrund des bereits herbstlichen Wetters hatten wir im Team kurzfristig beschlossen, die Lesung doch im Festspielhaus und nicht im Golgi Park stattfinden zu lassen, der Nancy-Spero-Saal lieferte uns dafür eine wunderbare Kulisse in entspannter Kaffeehaus-Atmosphäre, die den doch aufgeregten Lesenden ohne Bühnenerfahrung sicherlich so manche Scheu nahm.

Die Lesung im Nancy-Spero-Saal

Die Zeit für die Veranstaltung war ursprünglich auf anderthalb Stunden bemessen – viel zu kurz, wie sich herausstellte. Und so zogen wir wegen einer anderen Veranstaltung im Festspielhaus samt Publikum einfach in den Golgi-Park ans Lagerfeuer um. Eine vollkommen andere Kulisse, stimmungsvoll und konzentriert, in der noch eine weitere Stunde Gedichte in verschiedenen Sprachen vorgelesen und spontan übersetzt wurden sowie Gespräche zwischen den Lesenden und dem Publikum stattfanden.

Sarah Rehm liest am Lagerfeuer

 

Michael Drechsler & Petra Schweizer-Strobel

Fotos: Michael Drechsler, David Adam, Samer Koja und Festspielhaus Hellerau (?)